Schadstoffe in Gebäuden

Erkennen – vermeiden – vorbeugen

10.08.2020 gefunden auf: baubiologie-magazin.deChristian Kaiser, Dipl.-Ing. Architekt SIA bei Friedlipartner AG, Baubiologische Beratungsstelle IBN, Präsident Fachvereinigung Gesundes Wohnen Schweiz FaGeWo+
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Wer ein Haus baut oder saniert, möchte meist ein gutes Raumklima schaffen. Damit dies auch zuverlässig gelingt, müssen versteckte Schadstoffe rechtzeitig erkannt und neue Problemstoffe in Baumaterialien vermieden werden. 

Es ist inzwischen allgemein anerkannt, dass in Innenräumen zahlreiche Einflüsse auf die Bewohner einwirken. Neben den selbstverursachten Problemstoffen wie z.B. aus Kerzen, Kaminöfen, Kochdünsten oder auch nur eigenen Stoffwechselprodukten, können auch Emissionen aus Baustoffen oder elektrische Felder zu Beeinträchtigungen der Gesundheit und Lebensqualität im Gebäude führen.

Achtung bei alten Häusern!

Bei Sanierungen von alten Häusern ist besondere Vorsicht geboten. Im Gebäude können sich an verschiedensten Stellen gesundheitsschädliche Schadstoffe verbergen, die erst durch Bauarbeiten freigesetzt werden. Wenn z.B. alte Holzbalken oder Dielenböden geschliffen, gesägt oder sandgestrahlt werden, können giftige Holzschutzmittel, wie z.B. Pentachlorphenol (PCP) freigesetzt werden. PCP wirkt auf den Menschen als Nervengift und wurde daher in den 80-er Jahren für den Einsatz in Holzschutzmitteln verboten. 

Aber auch mineralische Materialien, wie Fliesenkleber, Putze oder zementbasierte Platten können Schadstoffe enthalten. Hier findet sich oft Asbest, ein lungengängiges Mineral, welches Krebs und Lungenvernarbung auslösen kann. Um die Freisetzung von Asbestfasern zu vermeiden, braucht es vor Ort eine gewissenhafte Vorabklärung. Soweit asbesthaltige Bauteile nicht während eines Umbaus beschädigt werden, werden i.d.R. auch keine Asbestfasern freigesetzt. 

Weitere Schadstoffe, wie z.B. Polychlorierte Biphenyle (PCB) und Schwermetalle können sich in Anstrichen (z.B. auf dem Kellerboden oder Metallteilen) oder in Schlackefüllungen von Holzbalkendecken finden. Auch hier gilt, dass meist erst das durch das Öffnen und Bearbeiten solcher Bauteile eine Belastung des Innenraumes erfolgt.

(1) In Hohldecken können sich schwermetallhaltige Schlacken verbergen
(2) Erst wenn die Bauarbeiten beginnen, wird Asbest aus Bauteilen freigesetzt
(3) Die alte Scheune war mit giftigem PCP-haltigen Holzschutzmittel getränkt
(4) Bitumenhaltige Kleber können vor allem auch bezüglich ihrem Geruch störend sein

Problem Dichtigkeit

Bei Modernisierungen alter Häuser steht meist eine energetische Verbesserung der Gebäudehülle im Mittelpunkt. Neue Dämmungen reduzieren die Wärmeverluste und eine bessere Dichtheit der Hülle reduziert das Risiko der Tauwasserbildung in den Bauteilen sowie die Zugluft. Durch die verbesserte Dichtheit können aber Ausdünstungen aus vorhandenen Schadstoffen im Innenraum, wie z.B. aus Teerklebern oder Abdichtungen (PAK) plötzlich schlechter ablüften und sich in der Raumluft anreichern. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, im Rahmen von energetischen Sanierungen immer auch die Belastungssituation der Raumluft zu erfassen. 

Neue Problemstoffe

Aber es müssen nicht unbedingt nur die „alten“ Schadstoffe sein, die den Bewohnern das Leben schwer machen. Oft genug werden erst mit einer Sanierung oder durch neue Materialien Schad- und Problemstoffe in das Gebäude gebracht. Gerade in der Fertigstellungszeit von Baumaßnahmen wird das Raumklima sehr stark durch flüchtige Verbindungen (VOC) aus z.B. aus Lacken, Farbanstrichen, Klebern und Kunststoffen belastet. Wenn also mit geruchs- und schadstoffhaltigen Materialien gearbeitet wird, sollte unbedingt eine mehrmonatige Auslüftungszeit eingeplant werden. Doch in der Regel wollen die Bauherren bereits wenige Tage nach der Fertigstellung in das Gebäude einziehen und setzen sich so ausgerechnet der intensivsten Schadstoffbelastung aus. Wissen sollte man zudem, dass einige Schadstoffe auch über viele Jahre auftreten können. 

(5) Alte Dielenböden sind schön, können aber hohe Belastungen mit Holzschutzmitteln aufweisen
(6) Beim Ausbau wurde belastetes Holz entfernt oder versiegelt und es wurden neue unbelastete Hölzer eingebaut

Umsicht statt Panikmache

Laien können angesichts der Vielzahl an Schad- und Problemstoffen am Bau schnell den Überblick verlieren. Immerhin bietet die chemische Industrie weit über 100.000 synthetische Verbindungen, die nicht nur in Baustoffen, sondern auch in Putz- und Reinigungsmitteln, Hygiene- und Körperpflegeprodukten anzutreffen sind. Dennoch muss niemand in Alarmismus oder Panik verfallen.

Es benötigt lediglich einen aufmerksamen Blick und den ernsthaften Willen, im Bestandsgebäude vorhandene Schadstoffe frühzeitig zu erkennen und gewissenhaft zu sanieren. Bei Neubauten und Modernisierungen kann es helfen, Produkte nicht nur in Hinblick auf ihre technischen Eigenschaften, ihre Verarbeitbarkeit und den Preis auszuwählen, sondern auch ökologische Auswirkungen (Umwelt, Gewässer, Flora, Fauna) und gesundheitliche Risiken (im Gebäude und/oder bei der Verarbeitung) im Blick zu haben. 

Im Zweifelsfall sollten nur Produkte zum Einsatz kommen, bei welchen ALLE Inhaltsstoffe bekannt sind und somit unangenehme Überraschungen ausgeschlossen werden können. Auch sollten allfällige Emissionen nicht erst NACH der Baumaßnahme am unangenehmen Geruch erkannt werden, sondern bereits im Vorfeld. Es empfiehlt sich daher, niedrige Emissionen im Innenraum bereits bei der Auftragsvergabe als Ziel der Baumaßnahme verbindlich zu vereinbaren. Nur so ist es möglich, rechtzeitig alle Problemstoffe, wie z.B. Montageschäume, elastische Fugenmaterialien, Anstriche und Kleber mit leicht- und/oder schwerflüchtigen Lösemitteln aus der Baustelle zu verbannen.

Gesundheit im Gebäude

Bei der Beurteilung und Erkennung von Schadstoffen im Gebäude sowie bei der Vermeidung problematischer Baumaterialien helfen ausgebildete Baubiolog*innen. Durch geeignete planerische und bauleitende Begleitung kann die Gesamtbelastung maßgeblich reduziert werden. Zur Bewertung allfälliger Belastungen können messtechnische Untersuchungen und die Richtwerte des „Standard Baubiologischer Messtechnik“ (SBM) zu Rate gezogen werden.

Es ist längst an der Zeit, dass neben Optik, Kosten und Terminen auch die Gesundheit (im Gebäude) zu einem planerischen Ziel beim Bauen wird.

Dieser Beitrag wird Ihnen zur Verfügung gestellt von: Fachvereinigung Gesundes Wohnen Schweiz FaGeWo+, 8000 Zürich, Schweiz, gesund-wohnen.ch sekretariat@gesund-wohnen.ch


Inhalt

Die Sanierung und Modernisierung von Altbauten ist eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben nicht nur für Architektinnen und Architekten, sondern ebenso für die betroffenen Bauherren. Dabei ist neben den klassischen Planungskenntnissen besondere Sensibilität im Umgang mit alter Bausubstanz, Altbaudetails und bauphysikalischen Faktoren erforderlich.

In der vorliegenden 3. Auflage kamen neue Projektbeispiele sowie Praxisinformationen zur Sanierung von Gebäudeschadstoffen hinzu.

Inhaltsverzeichnis (gekürzte Darstellung)

Der Altbau
• Grundlagen der Altbausanierung
• Gebäudetypologien
• Ökonomische Aspekte
• Kulturhistorische Aspekte

Wohnungsgesundheit und Nachhaltigkeit
• Baubiologische Aspekte
• Ökologische Aspekte

Ökologische Altbausanierung in Beispielen (Umbauten, Ausbauten, Anbau, energetische Modernisierung, Fassadensanierung, Mehr-Generationen-Umbau…)
• Bestandssicherung
• Holzschutz ohne Gift
• Dachsanierung
• Statische Eingriffe
• Isolation und Dämmungen
• Belichtung und Besonnung
• Innenwände
• Weiterverwendung alter Bauteile
• Aufsteigende Feuchtigkeit
• Fassade
• Fenster und Außentüren
• Haustechnik
• Kamine und Öfen
• Schreinerarbeiten innen
• Funktionsräume
• Bodenbeläge
• Malerarbeiten
• Möblierung und Innenausstattung
• Pflasterungen und Befestigungen
• Begrünung

Planerische Anforderungen in der Praxis
• Bestandaufnahme
• Denkmalpflege
• Gebäudeschadstoffe erkennen und behandeln…

Zum Autor

Christian Kaiser, Architekt und Baubiologe IBN, beschreibt anhand konkreter Projekte und Bauten die typologischen Besonderheiten von Altbauten und stellt detailliert denkmalpflegerische und energetische Maßnahmen der Sanierung vor. Dazu gehören zum Beispiel der Holzschutz ohne Gift, die Dachsanierung, statische Eingriffe, Dämmung und Fassade, die Haustechnik sowie eine Weiterverwendung alter Bauteile. Planerische Anforderungen in der Praxis werden ebenso behandelt wie die Themen Wohngesundheit und Nachhaltigkeit.

Er eröffnete nach mehreren Jahren angestellter Tätigkeit 2005 in Lottstetten sein eigenes Architekturbüro. Berufsbegleitend hat er sich zum Baubiologen IBN und Baubiologischen Gebäude-Energieberater IBN fortgebildet und eine Baubiologische Beratungsstelle IBN gegründet. Als Lehrbeauftragter unterrichtet er an der HTWG Konstanz die Fächer „Ökologische Altbausanierung“ und „Energetische Altbausanierung“ sowie an der Baukaderschule St. Gallen „Baubiologie/Bauökologie“.


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