
Die Schweiz baut sich gerade einen Stromverbrauch in der Grössenordnung des Kantons Zürich zusätzlich auf. Nicht für E-Autos. Nicht für Wärmepumpen. Für Rechenzentren. Und kaum jemand redet darüber.
Rechenzentren bringen Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Datenschutz-Vorteile und digitale Souveränität. Die Schweiz profitiert vom Boom. Aber: Diese Infrastruktur braucht verlässlichen Strom. Und genau hier klafft die Lücke zwischen politischer Erzählung und physikalischer Realität.
Während die Politik gebetsmühlenartig wiederholt, dass Photovoltaik die Energiewende schon schaffen wird, wächst im Hintergrund ein Stromverbrauch, der sich nicht an Sonnenstunden hält, nicht an Jahreszeiten anpasst und keine Pausen kennt. Ein Verbrauch, der 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr läuft – egal ob die Sonne scheint oder Hochnebel über dem Mittelland liegt.
Die Zahlen sind dramatisch. Die Konsequenzen werden ignoriert.
Die Explosion des Stromverbrauchs
2019: Rechenzentren in der Schweiz verbrauchten 2,1 TWh pro Jahr (3,6 % des Landesverbrauchs)
Heute: Bereits 4 TWh pro Jahr (6–8 % des Landesverbrauchs)
2030: Prognose bis zu 9 TWh pro Jahr (15 % des Landesverbrauchs)
Das ist eine Verdreifachung in gut zehn Jahren. Effizienzmassnahmen wie optimierte Kühlung und bessere PUE-Werte dämpfen den Anstieg etwas, ändern aber nichts an der grundsätzlichen Entwicklung.
Zum Vergleich: Ein Mensch in der Schweiz verbraucht rund 6’500 kWh Strom pro Jahr. 8 Terawattstunden entsprechen dem Jahresverbrauch von rund einer Million Menschen. Die Schweiz baut sich also einen zusätzlichen “virtuellen Kanton” – nur dass dieser Kanton keine Nacht kennt, keine Ferien macht und keine Winterpause einlegt.
Was treibt diese Entwicklung?
Nicht nur die normale Digitalisierung. Der eigentliche Brandbeschleuniger ist künstliche Intelligenz. KI-Rechenzentren verbrauchen ein Vielfaches klassischer Datacenter – bedingt durch rechenintensive Trainingsläufe, spezialisierte Hochleistungs-GPUs und geringe zeitliche Flexibilität. Jeder ChatGPT-Prompt, jedes trainierte Sprachmodell, jede automatisierte Datenanalyse läuft auf Hochleistungsrechnern – permanent. Internationale Studien zeigen: Der Stromverbrauch von KI-Rechenzentren steigt weltweit massiv – ältere Schätzungen sprechen von Faktor 11, aktuelle IEA-Prognosen von Verdopplung bis Vervierfachung. Für die Schweiz bedeutet das bis 2030 mindestens eine Verdopplung.
Konkrete Schweizer Realität:
Beringen (SH): Ein Rechenzentrum entsteht, das 75 % des Stromverbrauchs des gesamten Kantons Schaffhausen benötigen wird
Winterthur: Mehrere neue Rechenzentren erhöhen den Stadtverbrauch um 50 %
Microsoft investiert 400 Millionen Dollar in Schweizer Rechenzentren
Das sind bewilligte Projekte. Sie werden gebaut – jetzt. Und sie werden in 2–4 Jahren fertiggestellt sein. Der Netzausbau, der sie versorgen soll? Der braucht Jahrzehnte. Zwar reagiert die Politik – Swissgrid priorisiert Zürich und Schaffhausen, EKZ baut massiv Unterwerke – aber der Zeitverzug zwischen Rechenzentrum-Boom und Netzinfrastruktur bleibt erheblich.
Der thermische Faktor: 30–50 % der elektrischen Energie werden zu Abwärme. Die Kühlung dieser Abwärme benötigt zusätzlichen Strom – besonders im Sommer, wenn PV zwar produziert, aber die Netze thermisch an ihre Grenzen kommen. Die Abwärmenutzung hat hohes Potenzial, die Umsetzung bleibt aber langsam und lokal begrenzt – trotz vereinzelter Fortschritte wie in Zürich oder Winterthur.
Der Redundanz-Effekt: Rechenzentren erhöhen den Strombedarf nicht linear, sondern systemisch – durch doppelte und dreifache Versorgungsredundanz, Notstromkonzepte und n–1-Auslegung. Was als 40 MW Last erscheint, bedeutet im Netz deutlich mehr.
Die Bevölkerung wächst – der Strombedarf auch
Parallel dazu spricht die Politik offen von einem Bevölkerungswachstum auf 10 Millionen Einwohner.
Die Rechnung:
Heute: 8,8 Millionen Einwohner × 6’500 kWh = 57 TWh Gesamtverbrauch (BFE/Swissgrid)
In 10 Jahren: 10 Millionen Einwohner × 6’500 kWh = 65 TWh
Zusatzbedarf Bevölkerung: +8 TWh
Zusatzbedarf Rechenzentren: +5 TWh
Summe: +13 TWh zusätzlicher Strombedarf
Und das ist nur Bevölkerung plus Rechenzentren – also das absolute Minimum. Die Energieperspektiven des Bundes rechnen bis 2030/35 mit deutlich höherem Gesamtverbrauch durch E-Mobilität, Wärmepumpen, Industrie-Elektrifizierung und Wasserstoff: +15 bis +30 TWh zusätzlich. Der reale Zusatzbedarf liegt deutlich über den hier gerechneten +13 TWh.
Geplanter Ausbau erneuerbarer Energien bis 2030 (gemäss Mantelerlass)? Rund 10–15 TWh. Der Zusatzbedarf der Rechenzentren allein frisst also bereits ein Drittel bis die Hälfte des gesamten geplanten Zuwachses.
Die Lücke zwischen Bedarf und geplantem Ausbau wird nicht kleiner. Sie wird grösser.
Die vereinfachende Erzählung: “Photovoltaik wird’s schon richten”
Die Antwort der Politik auf diese Zahlen? Mehr Photovoltaik. Mehr Dächer. Mehr Fassaden. Mehr Module.
Das Problem: Rechenzentren brauchen Strom nicht im Jahresmittel, sondern jede einzelne Sekunde. Sie können nicht warten, bis die Sonne wieder scheint. Sie können nicht drosseln, wenn Hochnebel herrscht. Sie können nicht herunterfahren, wenn der Strom knapp wird.
Professionelle Rechenzentren garantieren eine Verfügbarkeit von 99,99 % – das sind maximal 52 Minuten Ausfall pro Jahr. Jede weitere Minute bedeutet massive wirtschaftliche Schäden und den Ausfall kritischer Infrastruktur.
Ein häufiges Missverständnis: “Rechenzentren können ihre Last flexibel anpassen.” Das stimmt nicht. Kritische Rechenzentren – für Banken, Verwaltung, Gesundheitswesen, Industrie 4.0 – sind nicht abschaltbar oder drosselbar. Das widerspricht ihrem Zweck. Service-Level-Agreements (SLAs) lassen keine Lastverschiebung zu. Wer etwas anderes behauptet, verwechselt theoretische Hyperscaler-Flexibilität mit realer Schweizer Infrastruktur.
Der zentrale Denkfehler der aktuellen Debatte ist die Gleichsetzung von Energie (TWh pro Jahr) mit Leistung (Megawatt zu jedem Zeitpunkt). Versorgungssicherheit entscheidet sich nicht über die Jahresmenge, sondern über die jederzeit verfügbare Leistung – insbesondere in Winterspitzen, bei Hochnebel, in Dunkelflauten. Globale Hyperscaler können Workloads zwischen Kontinenten verschieben. Nationale Infrastrukturen können das nicht. Sie müssen lokal und jederzeit funktionieren.
Was Photovoltaik im Winter leistet:
Kurze Tage (nur 8 Stunden potenzielle Produktion)
Hochnebel im Mittelland (nahezu null Produktion)
Schnee auf Modulen (null Produktion)
Inversionswetterlagen (null Produktion über Tage)
Genau dann, wenn der Strombedarf am höchsten ist, liefert Photovoltaik am wenigsten. Das ist keine Meinung. Das ist Physik.
Wer glaubt, man könne den 24/7-Dauerbedarf von Rechenzentren mit wetterabhängiger Stromproduktion decken, verwechselt Jahresbilanzen mit gesicherter Dauerleistung.
Und Speicher? Eine zweiwöchige Winter-Dunkelflaute erfordert Energiemengen im Bereich des 10- bis 20-fachen aller Schweizer Pumpspeicher. Batteriespeicher können Stunden überbrücken – nicht Wochen. Das ist physikalisch und gesellschaftlich nicht realisierbar. Wer etwas anderes behauptet, rechnet nicht, sondern hofft.
Die detaillierte Analyse, warum Photovoltaik und Wind keine gesicherte Leistung liefern können, habe ich im Artikel “Photovoltaik & Windenergie – Versorgungssicherheit” aufgezeigt:
→ https://urs-raschle.ch/photovoltaik-windenergie-versorgungssicherheit/
Der Preis, den niemand nennt
Solarstrom kann günstig produziert werden. Trotzdem steigen die Strompreise. Warum?
Weil die Kosten nicht in der Kilowattstunde stecken, sondern im System:
Netzausbau für volatile Einspeisung
Reservekraftwerke für Dunkelflauten
Regelenergie für Netzschwankungen
Speicherkapazitäten (die nicht existieren)
Importabhängigkeit (die nicht funktioniert, wenn ganz Europa gleichzeitig bei grossflächigen Wetterlagen importieren will – und genau das passiert bei winterlichen Hochdrucklagen)
Je mehr Dauerlasten wie Rechenzentren ins Netz kommen, desto teurer wird das System – nicht weil Solarstrom teuer ist, sondern weil seine Verfügbarkeit nicht planbar ist.
Diese Systemkosten tauchen später auf der Stromrechnung auf. Nicht als “Solarpreis”, sondern versteckt in Netzentgelten und Abgaben. Die detaillierte Kostenrechnung habe ich im Artikel “Photovoltaik, Strompreise & Rechenlogik” dargelegt:
→ https://urs-raschle.ch/photovoltaik-strompreise-rechenlogik/
Selbst Mainstream-Medien schlagen Alarm
Das ist keine Verschwörungstheorie und kein Alarmismus. Selbst etablierte Medien berichten inzwischen:
SRF (Juni 2025): “Stille Stromfresser – immer mehr Rechenzentren in der Schweiz”
Fazit: Rechenzentren könnten 2030 bis zu 15 % des Schweizer Stroms verbrauchen. Das wäre mehr als der gesamte Kanton Zürich.
Heise (April 2025): “KI lässt Strombedarf steigen – Rechenzentren verbrauchen 2030 doppelt so viel”
Fazit: Weltweit Verdopplung des Stromverbrauchs von Rechenzentren bis 2030. Für KI-spezifische Rechenzentren werden je nach Abgrenzung zwischen Training, Inferenz und Effizienzgewinnen deutlich höhere Steigerungsraten genannt.
IEA (Internationale Energieagentur): Prognose von 415 TWh (2024) auf 945 TWh (2030) weltweit.
Greenpeace/Öko-Institut: Warnung vor dramatischem Anstieg der CO₂-Emissionen durch Rechenzentren trotz erneuerbarer Energien.
Die Fakten sind bekannt. Die Zahlen sind öffentlich. Nur die politischen Konsequenzen fehlen.
Zeit für Realismus: Physik schlägt Ideologie
Die Energiewende wird nicht an mangelndem Willen scheitern. Sie wird an der Physik scheitern, wenn wir weiter so tun, als könne man gesicherte Dauerleistung durch wetterabhängige Erzeugung ersetzen.
Rechenzentren brauchen Strom – jede Sekunde des Jahres. Sie brauchen Verlässlichkeit ohne Unterbrechungen. Sie brauchen eine stabile Netzfrequenz von exakt 50 Hz, denn sie reagieren extrem empfindlich auf Frequenzabweichungen. Sie brauchen hohe Kurzschlussleistung und stabile Blindleistungsbereitstellung – Eigenschaften, die von leistungselektronisch gekoppelten Erzeugern nur begrenzt geliefert werden. Und sie brauchen gesicherte Dauerleistung, die nicht aus wetterabhängiger Erzeugung planbar ist.
Photovoltaik liefert Strom – wenn die Sonne scheint. Sie liefert Schwankungen je nach Wetter. Sie liefert keine rotierende Masse und keine physikalische Netzträgheit. Und sie liefert vor allem eines: Unsicherheit, besonders im Winter.
Das passt nicht zusammen. Kein bisschen.
Wer diese Wahrheit ignoriert, plant nicht nachhaltig. Er plant fahrlässig.
Was es stattdessen braucht
Keine Denkverbote. Keine ideologischen Scheuklappen. Sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Die Realität ist klar: Der Strombedarf explodiert durch Rechenzentren, E-Mobilität, Wärmepumpen und Bevölkerungswachstum. Photovoltaik und Wind können keine gesicherte Dauerleistung bereitstellen – das ist physikalisch unmöglich, nicht politisch verhandelbar. Speicher sind technisch und wirtschaftlich nicht im nötigen Umfang verfügbar. Importe funktionieren nicht, wenn ganz Europa gleichzeitig bei grossflächigen Wetterlagen importieren will.
Was wirklich nötig wäre, ist der Erhalt und Ausbau von Kraftwerken mit gesicherter Dauerleistung – Kernkraft, Wasserkraft, Geothermie. Die Schweizer Pumpspeicher können als saisonaler Puffer dienen, aber ihre Kapazität reicht bei weitem nicht für den explodierenden Bedarf. Statt schöngefärbter Jahresbilanzen braucht es ehrliche Systemplanung. Statt Verbots-Ideologie braucht es Technologieoffenheit. Und statt Planung nach Wunschdenken braucht es Planung nach tatsächlicher Verfügbarkeit.
Rechenzentren sind nicht das Problem. Sie sind der Prüfstein. Sie zeigen gnadenlos, ob ein Stromsystem auf gesicherter Leistung basiert – oder auf Hoffnung.
Und Hoffnung ist keine Energiepolitik.
Quellen & weiterführende Analysen
Mainstream-Berichte:
SRF: Stille Stromfresser – immer mehr Rechenzentren in der Schweiz
https://www.srf.ch/news/wirtschaft/digitale-infrastruktur-stille-stromfresser-immer-mehr-rechenzentren-in-der-schweizHeise: KI lässt Strombedarf steigen – Rechenzentren verbrauchen 2030 doppelt so viel
https://www.heise.de/news/KI-laesst-Strombedarf-steigen-Rechenzentren-verbrauchen-2030-doppelt-so-viel-10347139.html
Technische Analysen:
Urs Raschle: Photovoltaik & Windenergie – Versorgungssicherheit
https://urs-raschle.ch/photovoltaik-windenergie-versorgungssicherheit/Urs Raschle: Photovoltaik, Strompreise & Rechenlogik
https://urs-raschle.ch/photovoltaik-strompreise-rechenlogik/Urs Raschle: Stromversorgung – Versorgungssicherheit Schweiz 2050 (PDF)
https://urs-raschle.ch/wp-content/uploads/STROMVERSORGUNG-VERSORGUNGSSCIHERHEIT_v20251223_v07_Optimized.pdf
