Wenn Mikrowellen hörbar werden – Frey-Effekt und Havanna-Syndrom

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Wenn Mikrowellen hörbar werden - Frey-Effekt und Havanna-Syndrom

Ein blinder Fleck in der Medizin

Mikrowellen hören – das klingt zunächst nach Science-Fiction, ist aber seit den 1960er-Jahren ein dokumentiertes, reales Phänomen. Menschen, die über Klick-, Summ- oder Zischgeräusche im Kopf klagen, für die sich keine äussere Schallquelle finden lässt, werden in der Praxis häufig rasch in die psychische Ecke gestellt – unabhängig davon, ob eine berufliche oder sonstige Exposition zu gepulsten Hochfrequenzquellen vorliegt. Elektromagnetische Belastung wird dabei in aller Regel gar nicht erst als mögliche Ursache abgeklärt, weil sie schlicht nicht zum Standard-Differentialdiagnose-Repertoire der Allgemeinmedizin gehört.

Dabei gibt es einen Bereich, für den ein solcher Zusammenhang tatsächlich wissenschaftlich dokumentiert ist: den Mikrowellen-Hörreffekt, auch Frey-Effekt genannt. Bislang ist er klar nur bei vergleichsweise hohen Spitzenleistungsdichten belegt, wie sie etwa in unmittelbarer Nähe von Radar- oder anderen Hochleistungssendern auftreten können – nicht bei den Feldstärken des Alltags. Ob und wie sich das Phänomen auch bei niedrigeren Werten oder unter anderen Bedingungen auswirken könnte, dazu fehlen bislang Studien; hier bestünde gezielter Forschungsbedarf. Klar ist aber bereits heute: Der Effekt widerlegt die verbreitete Annahme, elektromagnetische Strahlung könne den Körper ausschliesslich über Erwärmung beeinflussen.

Daneben gibt es einen zweiten, ebenfalls ernsthaft erforschten Bereich, in dem gepulste Mikrowellen als mögliche Ursache diskutiert werden: das sogenannte “Havanna-Syndrom” – anhaltende, teils monatelange Beschwerden bei betroffenen Personen. Dieser Bereich ist wissenschaftlich deutlich weniger geklärt als der Frey-Effekt und wird weiter unten separat eingeordnet.

Was passiert dabei?

Werden Menschen kurzen, intensiven Mikrowellenpulsen ausgesetzt, können sie Klicken, Summen oder Zischen wahrnehmen – und das direkt “im Kopf”, ohne dass Schall über die Luft und das Aussenohr eintrifft. Das unterscheidet den Effekt grundlegend vom gewöhnlichen Hören.

Wichtig für die Einordnung: Der im Folgenden beschriebene, gut belegte Mechanismus erklärt den Höreindruck während der Bestrahlung. Ob und weshalb manche Betroffene auch nach Ende einer Exposition noch länger anhaltende Beschwerden mit sich tragen, ist damit nicht erklärt und wird weiter unten gesondert eingeordnet.

Der Mechanismus: thermoelastische Ausdehnung

Die heute anerkannte Erklärung ist die thermoelastische Expansionstheorie: Ein kurzer, energiereicher Mikrowellenpuls wird im Gewebe rund um das Innenohr absorbiert und erzeugt dort einen extrem schnellen, winzigen Temperaturanstieg – im Bereich von wenigen Millionstel Grad Celsius. Weil dieser Anstieg so rasch erfolgt, dehnt sich das Gewebe ebenso rasch aus. Diese Ausdehnung erzeugt eine kleine mechanische Druckwelle, die über Knochenleitung zur Cochlea (Innenohr) gelangt und dort wie ein normaler Schallreiz verarbeitet wird.

Entscheidend ist: Es ist nicht die durchschnittliche Leistung, die den Effekt auslöst, sondern die Pulscharakteristik. Ein Dauerstrahl erwärmt das Gewebe nur langsam und diffus – das reicht nicht für eine hörbare Druckwelle. Nötig sind kurze, hochintensive Pulse.

(Ein illustratives Beispiel: Würde eine Mikrowellenquelle Pulse im Mikrosekundenbereich mit einer Wiederholrate von z. B. 5’000 Mal pro Sekunde aussenden, würde das einem hohen Summton entsprechen. Diese Zahl dient nur der Veranschaulichung des Prinzips, nicht als historischer Messwert.)

Wie der Effekt entdeckt wurde

Erste Hinweise gab es bereits im Zweiten Weltkrieg: Personal in der Nähe leistungsstarker Radaranlagen berichtete von unerklärlichen Klick- und Summgeräuschen – auch in völlig stillen Umgebungen. Diese frühen, anekdotischen Beobachtungen stellten die damalige Annahme infrage, wonach Mikrowelleneffekte rein thermischer Natur seien.

Die wissenschaftliche Bestätigung lieferte der amerikanische Neurowissenschaftler Allan H. Frey. In seiner 1961 vorgestellten und 1962 im Journal of Applied Physiology publizierten Arbeit zeigte er, dass Versuchspersonen angemessen gepulste Mikrowellenstrahlung noch in mehreren hundert Metern Entfernung vom Sender zuverlässig wahrnehmen konnten – ein Beleg dafür, dass der Effekt unter realistischen Sendebedingungen reproduzierbar auftritt und nicht nur bei extremer Nähe.[^1]

In den folgenden Jahrzehnten – unter anderem am Walter Reed Army Institute of Research – wurde untersucht, ob sich durch entsprechende Modulation sogar Sprachmuster übertragen liessen. Das gelang tatsächlich in Ansätzen, allerdings nur bei Strahlungswerten, die nahe an damalige Sicherheitsgrenzwerte heranreichten – ein Umstand, der ernsthafte ethische und gesundheitliche Fragen aufwarf.

Bedeutung für Sicherheitsstandards

Der Mikrowellen-Hörreffekt war historisch bedeutsam, weil er zeigte, dass elektromagnetische Energie auch bei niedrigen durchschnittlichen Leistungspegeln biologische Wirkung entfalten kann, sofern die Spitzenleistung der einzelnen Pulse hoch genug ist. Das zwang Regulierungsbehörden dazu, bei Expositionsgrenzwerten nicht nur die mittlere, sondern auch die Spitzenleistungsdichte zu berücksichtigen.

Das MEDUSA-Projekt – und seine Kritiker

In den 2000er-Jahren versuchte die Firma WaveBand Corporation (später von Sierra Nevada Corporation übernommen) im Auftrag der US Navy, den Effekt für ein nicht-tödliches Crowd-Control-System namens MEDUSA (“Mob Excess Deterrent Using Silent Audio”) nutzbar zu machen. Ziel war ein gerichtetes System, das unangenehme, ablenkende Geräusche direkt im Kopf von Zielpersonen erzeugen sollte.

Das Projekt wurde nach ersten Tests nicht weiterverfolgt. Fachleute äusserten damals öffentlich Zweifel an der grundsätzlichen Praxistauglichkeit: Um bei realistischen Distanzen eine spürbare akustische Wirkung zu erzielen, wären Leistungsdichten nötig gewesen, die deutlich über anerkannten Sicherheitsgrenzwerten liegen und Gewebeschäden verursachen könnten – der Effekt liesse sich demnach nicht ohne Weiteres so “dosieren”, wie es für ein sicheres Nichtletal-System nötig wäre.[^2]

Und wenn die Beschwerden anhalten? Das Havanna-Syndrom

Der oben beschriebene Mechanismus ist an den einzelnen Puls gekoppelt: Kein Puls, keine thermoelastische Ausdehnung, keine Druckwelle. Nach diesem – aktuell am besten belegten – Modell müsste der Höreindruck also enden, sobald die Bestrahlung endet.

Das deckt sich nicht restlos mit dem, was manche Betroffene berichten, die auch nach einer Exposition noch länger anhaltende Beschwerden schildern – etwa Kopfschmerzen, Tinnitus oder kognitive Probleme. Eine ernstzunehmende, aber bis heute nicht abschliessend geklärte Forschungslinie dazu ist das sogenannte “Havanna-Syndrom”: monatelang anhaltende Beschwerden bei US-Diplomaten und anderem Regierungspersonal, bei denen gepulste Mikrowellen als eine mögliche Ursache diskutiert werden.

Der Kenntnisstand dazu hat sich in den letzten Jahren mehrfach verschoben:

  • Die grösste und methodisch sorgfältigste Untersuchung – zwei 2024 im Fachjournal JAMA publizierte NIH-Studien – fand bei den Betroffenen keine signifikanten strukturellen Hirnschäden im MRT. Sehr wohl signifikant unterschieden sich die Betroffenen aber bei objektiven Gleichgewichtstests sowie bei selbstberichteter Erschöpfung, posttraumatischen Stresssymptomen und Depression gegenüber der Kontrollgruppe. Die Studien widerlegen damit die These einer bleibenden Hirnstrukturverletzung, nicht aber reale, messbare Unterschiede insgesamt.[^3]
  • Die US-Geheimdienst-Gemeinschaft kam im März 2023 mehrheitlich zum Schluss, ein fremder Akteur sei “sehr unwahrscheinlich” für die Fälle verantwortlich. Eine Neueinschätzung im Januar 2025 bestätigte diese Mehrheitsposition, doch zwei von sieben beteiligten Agenturen revidierten ihre Einschätzung: Sie sehen neu eine “etwa gleich hohe Wahrscheinlichkeit”, dass bei einer kleinen Untergruppe von Betroffenen ein neuartiges, gepulstes Gerät im Einsatz gewesen sein könnte.[^4]
  • Mehrere unabhängige Medienrecherchen (u. a. CNN, CBS/60 Minutes, Washington Post, 2025/26) berichten übereinstimmend, das US-Heimatschutzministerium habe Ende 2024 verdeckt ein tragbares, rucksackgrosses Gerät mit Bauteilen russischer Herkunft erworben, das gepulste Hochfrequenzenergie aussendet. Das Gerät wird seither militärisch getestet; laut den Berichten erzeugten Tierversuche Verletzungsmuster, die zu den geschilderten Symptomen passen sollen – die genauen Testergebnisse selbst sind nicht öffentlich einsehbar, die Angaben stammen von anonymen Quellen der zitierten Medien.[^5]
  • Ebenfalls 2024 testete ein norwegischer Regierungswissenschaftler ein selbstgebautes, gepulstes Mikrowellengerät an sich selbst, um die Unbedenklichkeit solcher Geräte zu widerlegen – und entwickelte danach neurologische Symptome, die denen des Havanna-Syndroms ähnelten, wenn auch nicht deckungsgleich damit.[^6]

Ein direkter, für einzelne Fälle beweiskräftiger Expositionsnachweis fehlt weiterhin. Festzuhalten ist aber: Die biologische Plausibilität, dass gepulste Hochfrequenz- bzw. Mikrowellenenergie auch über den Bestrahlungszeitpunkt hinaus wirkende neurologische Effekte auslösen kann, hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht – auch wenn der hier beschriebene, klassische Frey-Effekt selbst dafür keine Erklärung liefert. Das bleibt ein eigenständiges, weiterhin nicht abschliessend geklärtes Forschungsfeld.

Fazit

Der Mikrowellen-Hörreffekt ist ein solide dokumentiertes, biophysikalisches Phänomen – kein Mythos. Er zeigt, dass nicht-ionisierende Strahlung unter bestimmten Bedingungen direkte, nicht-thermische Wirkungen haben kann, und war massgeblich an der Entwicklung heutiger Expositionsgrenzwerte beteiligt.

Für die Praxis folgt daraus: Wer Klick-, Summ- oder Zischgeräusche im Kopf oder anhaltende neurologische Beschwerden nach möglicher Exposition zu gepulsten Feldern schildert, darf nicht pauschal in die psychische Ecke gestellt werden. Die Differenzialdiagnose muss diesen Mechanismus einschliessen.

Solchen Emissionen setzt man sich nicht aus – unabhängig davon, ob stark oder schwach. Denselben Grundsatz wendet man auch bei Abgasen oder Rauch an: Man wartet nicht auf den letzten wissenschaftlichen Beweis, man reduziert die Exposition. Weniger ist mehr.


Quellen:

[^1]: Frey, A. H. (1962). Human auditory system response to modulated electromagnetic energy. Journal of Applied Physiology, 17(4), 689–692. https://doi.org/10.1152/jappl.1962.17.4.689

[^2]: Prasad, S. (2008). Why the microwave-auditory-effect crowd-control gun won’t work. IEEE Spectrum. https://spectrum.ieee.org/why-microwave-auditory-effect-crowdcontrol-gun-wont-work

[^3]: Chan, L. et al. (2024). Clinical, Biomarker, and Research Tests Among US Government Personnel and Their Family Members Involved in Anomalous Health Incidents. JAMA. https://doi.org/10.1001/jama.2024.2413 · Pierpaoli, C. et al. (2024). Neuroimaging Findings in US Government Personnel and Their Family Members Involved in Anomalous Health Incidents. JAMA. https://doi.org/10.1001/jama.2024.2424

[^4]: Office of the Director of National Intelligence (Januar 2025). Aktualisierte Einschätzung zu “Anomalous Health Incidents”, berichtet u. a. von CNN und VOA: https://www.cnn.com/2026/01/13/politics/havana-syndrome-device-pentagon-hsi (bzw. NBC News, Januar 2025)

[^5]: CBS News/60 Minutes (März 2026). U.S. military tested device that may be tied to Havana Syndrome on rats, sheep. https://www.cbsnews.com/news/us-military-tested-device-that-may-be-tied-to-havana-syndrome-60-minutes-transcript/

[^6]: The Washington Post (Februar 2026). CIA investigated secret ‘Havana syndrome’ weapon experiment in Norway. https://www.washingtonpost.com/national-security/2026/02/14/havana-syndrome-cia-norway-experiment/


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Reto Capeder
Reto Capeder
1 Monat vor

Ja genau. Das Vorsorgeprinzip ist dafür da, Vorsorge zu leisten, weil man eine Gefahr nicht ausschliessen kann, jedoch noch keine abschliessende wissenschaftliche Evidenz hat.
Dazu ein Beispiel:
DAB+ ist genau ein solches Signal, dass nicht nur ein UKW Ersatz ist, sondern eine völlig andere, modulierte Signalstruktur aufweist. Im DAB+-Mode I beginnt alle 96 ms ein neuer Übertragungsrahmen mit einem rund 1,3 ms langen Nullsymbol, in dem das normale Sendesignal stark abgesenkt wird. Danach steigt das Signal wieder steil an. Diese Struktur wiederholt sich rund 10,4-mal pro Sekunde. Ein permanentes Ein-/Ausschalten beziehungsweise starkes Absenken und Wiederansteigen des Signals. Genau solche zeitlichen Strukturen haben aus meiner Sicht ein hohes Schadenspotenzial.

Als Analogie kann man eine Stroboskoplampe in einem dunklen Raum nehmen: Nicht nur die mittlere Leistung ist entscheidend, sondern die ständige zeitliche Veränderung.

Die Schweiz hat in den letzten 10 Jahren eine Vorreiterrolle bei der Verbreitung von DAB+ eingenommen. Dies ohne entsprechende gesundheitliche Begleitstudien, obwohl bereits 2011 aus Stuttgart Meldungen kamen, wonach sich nach Einführung von DAB+ Menschen mit zunehmenden körperlichen Beschwerden an Schutzorganisationen gewandt hatten. Quelle: DAB+ das neue digitale Radio – diagnose:funk

Gleichzeitig ist die DAB+-Einführung auch medienpolitisch gescheitert. Andernfalls würde die SRG nicht wieder auf UKW zurückkehren.
Hinzu kommt, dass die Sicherheitsorganisationen beim Bund festgestellt haben, dass die Versorgung von Schutzräumen mit DAB+ nicht ausreichend funktioniert. Das heutige Notfallradio über UKW bleibt deshalb vorerst bestehen. Nachfolgelösungen sind in Arbeit, aber nicht auf Basis von DAB+.

Aktuell wächst das Streaming-Angebot über Internet immer weiter, sodass es kaum noch Gründe gibt, DAB+ künstlich am Leben zu halten.

Deshalb:
Basisangebot über UKW, DAB+ abschalten und den Rest streamen – genau wie beim Fernsehen. Neue Autoradios mit DAB+ können übrigens praktisch immer auch UKW empfangen.

Der Doppelbetrieb von zwei terrestrischen Funksystemen UKW/DAB+ in einem schrumpfenden Markt ist langfristig nicht gangbar. Dies umso mehr als die SRG vom Bund einen Sparauftrag erhalten hat bei dem bis 2029 rund 17 % gegenüber dem Budget 2024 eingespart werden muss.

Deshalb: R.I.P. DAB+. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Die Menschen möchten Radio hören, nicht durch pulsierende Signale gesundheitliche Beeintrechtigungen erleiden.

Die Gesundheit der Bevölkerung geht vor.

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